Zeit für einen Paradigmenwechsel !

„Ich habe meinem Schmerz einen Namen gegeben und rufe ihn „Hund“, er ist ebenso treu, ebenso zudringlich und schamlos, ebenso unterhaltend, ebenso klug wie jeder andere Hund - und ich kann ihn anherrschen und meine bösen Launen an ihm auslassen: wie es andere mit ihren Hunden, Dienern und Frauen machen.“
(Friedrich Nietzsche)

Wer sich mit der chronischen Schmerzkrankheit und deren Therapie kritisch auseinandersetzt, kommt leicht in die Gefahr einer generellen Medizinschelte. Sehr schnell lassen sich hier die Grenzen der kurativen Medizin aufzeigen und selbst spektakuläre Durchbrüche in Wissenschaft und Forschung bringen meist nur für wenige chronisch Kranke Heilung.

Um eins vorweg zu nehmen: ich verkenne nicht die rasanten Fortschritte der modernen Medizin. Viele Menschen profitieren täglich davon und ich attestiere unserem Gesundheitswesen einen sehr hohen Leistungstand. Als Sprecher einer Problemgruppe muß ich jedoch darauf hinweisen, daß eine wachsende Zahl von Menschen an ihren ungelösten Problemen verzweifelt.

Der hohe Effizienz- und Kostendruck engt das Blickfeld der Behandler häufig auf die Diagnose ein. Kaum einer vermag bei knapp bemessener Zeit den Menschen hinter der Diagnose zu entdecken und in seine diagnostischen oder therapeutischen Überlegungen mit einzubeziehen. So werden häufig kausal richtige Therapieentscheidungen dem klagenden Mensch nicht gerecht, vertiefen gar sein Problem.

Viele Ärzte wurden zu Medizinern und sind als solche „Methoden-gläubig“. Sie holen keine Informationen ein über das Umfeld, das jede Erkrankung umgibt und verkennen völlig die neurotisierende Dynamik der Chronifizierungsprozesse. Der vor diesem Hintergrund ausbleibende Effekt der gewählten Therapie führt eher zu Zweifeln am Patienten (den man als Mensch nicht kennt) als an der Methode bzw. deren Auswahl. Diese Zweifel werden nicht nur via Körpersprache sondern auch verbal artikuliert („das kann ja gar nicht sein“). Der Betroffene erleidet neben seinen krankheitsbedingten Schmerzen eine weitere, narzißtische, Kränkung: die Beleidigung als Simulant.

Trotz Kenntnis um unheilbare Krankheiten und funktionelle Beschwerden gehen alle Beteiligten zunächst mit Zuversicht zu Werke („das kriegen wir schon hin“). Läßt sich dann nach ausführlicher (oder lukrativer?) Diagnostik das wahre Ausmaß der Erkrankung nicht länger leugnen, zeigen sich im wesentlichen zwei Verhaltensmuster:

  • die chronische benigne Erkrankung wird banalisiert („stellen Sie sich nicht so an“, „damit müssen Sie leben“). Man verliert das medizinische Interesse am Patienten, läßt ihn allein, denn man kann ja ohnehin nichts für ihn tun. Der sich ständig wiedervorstellende Patient wird zum fleischgewordenen Vorwurf des eigenen Versagens. Man entfremdet sich, der Patient erscheint nur noch zu „Rezept-Terminen“, er mutiert dann unter Budgetaspekten zur ökonomisch bedrohlichen Kostenstelle. Die ehemals nur schwache menschliche Beziehung ist nicht mehr existent
  • die maligne chronische Erkrankung löst die volle Breitseite des technisch und pharmazeutisch Möglichen aus, alle Maßnahmen zielen auf Lebensverlängerung und die Begleiterscheinungen der Erkrankung geraten aus dem Blick. Der Betroffene wird zur fatalen Diagnose und zeigt die Grenzen des medizinisch Machbaren auf. Das einzige therapeutische Ziel ist Zeitgewinn, Lebensumstände und Lebensqualität sind häufig nachrangig. Die gewonnene Zeit wird dann paradoxerweise gegen den Patienten verwendet („wenn wir ihm jetzt schon Morphium geben haben wir am Ende keine Pfeile mehr im Köcher“). So ist es leider keine Seltenheit, daß ein Tumorpatient noch am Sterbetag eher eine Strahlen- oder Chemo-Dosis bekommt, statt einer schmerzlindernden Morphingabe.

Das Medizinsystem in seiner derzeitigen Struktur wird neben anderen bes. den Schmerzpatienten nicht gerecht. Mangel an Zeit zur Erfassung der menschlichen Komponenten und das absolute Primat von Diagnostik und kurativer Therapie behindern eine qualifizierte Schmerztherapie, die diese Bezeichnung zu recht trägt, die als Palliativmedizin und nicht als Symptom-Verschleierung verstanden werden will.

Pioniere und Mentoren der qualifizierten Behandlung chronischer Schmerzen haben immer von der Schmerztherapie gesprochen, die aktuelles fachliches und pharmakologisches Rüstzeug voraussetzend eine Therapeutenrolle ausdifferenziert, wie sie am ehesten in der psychosomatischen Medizin anzutreffen ist.

Ein Paradigmenwechsel vom Heiler zum kompetenten Begleiter chronischer Erkrankungen muß auch in anderen Fachgebieten erfolgen. Es gilt zuerst die Leiden der Patienten mit allen Mitteln zu lindern, bevor mit Augenmaß die causa in Angriff genommen wird.

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